Online-Psychotherapie – auch hilfreich für Senioren

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Psychotherapeutische Hilfe per Video oder App für Jung und Alt
Psychische Erkrankungen sind auch im hohen Alter ein brisantes Thema. Nicht wenige Seniorinnen und Senioren haben – ebenso wie jüngere Menschen – psychische Probleme. Negative Gefühle, Depressionen oder Angstzustände treten vermehrt auch bei Senioren auf. Hilfsangebote gibt es reichlich, aber welche sind die richtigen? Sind Online-Hilfen eine Alternative zu klassischen Therapien?
Psychische Probleme kann jeder Mensch ungeachtet seines Alters bekommen. Mediziner und Medizinerinnen beobachten jedoch, dass Menschen ab einem Alter von 65 Jahren deutlich weniger psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Viele Seniorinnen und Senioren scheuen sich davor, ihre Probleme anzusprechen oder nehmen sie nicht als schwerwiegend wahr. Dabei kommen Altersdepressionen und Angsterkrankungen sehr häufig vor. Ältere Menschen leiden oft an Einsamkeit, die Depressionen und Ängste hervorrufen kann. Kommen körperliche Erkrankungen hinzu, erhöhen sie meist die psychischen Belastungen.
Auch in hohem Alter lohnt sich eine Psychotherapie
Eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung kann älteren Menschen ebenso helfen wie jungen Erkrankten. Die Erfolgsaussichten stehen gut. Hilfe können Senioren und Seniorinnen an unterschiedlichen Stellen erhalten. In erster Linie finden sie Unterstützung in der hausärztlichen Praxis, um therapeutische oder psychologische Hilfe zu finden. Zudem bieten die kassenärztliche Vereinigung, Beratungsstellen wie die der Malteser oder die Seelsorge Informationen an und helfen bei der Kontaktaufnahme. Zunächst findet vor einer Therapie in der ambulanten psychotherapeutischen Sprechstunde ein erstes persönliches Gespräch zwischen Therapierenden und der betroffenen Person statt. Die klassische psychotherapeutische Behandlung wird meistens in der Praxis durchgeführt.
Online-Psychotherapie im Wohnzimmer
Viele Menschen sind aufgrund von schweren körperlichen Erkrankungen nicht in der Lage, regelmäßig in eine ambulante Praxis zu gehen oder zu fahren. Insbesondere dann, wenn sie nicht auf die Unterstützung durch Familienangehörige oder Freunde in der Nähe zurückgreifen können. Doch auch in diesen Fällen gibt es Hilfe und Möglichkeiten, die über Telefonate oder Textnachrichten mit einer ärztlichen oder psychotherapeutischen Fachkraft hinausgehen.
Die Videosprechstunde
Viele Therapierende bieten mittlerweile eine Videosprechstunde an. Sie gehört zu den sogenannten telemedizinischen Leistungen. Auf diese Weise ist es möglich, ein psychotherapeutisches Gespräch mit der betroffenen Person zu führen, weitere Behandlungsvorhaben zu besprechen oder Fortschritte zu begutachten, ohne dass ein Besuch in der Praxis erfolgt. Es braucht hierfür lediglich einen zertifizierten Videodienstanbieter, den die therapierende Person auswählt. Beide Gesprächspartner benötigen darüber hinaus einen Bildschirm mit Kamera und Mikrofon sowie eine Internetverbindung. Als Endgeräte kommen ein Computer oder ein Smartphone in Frage. Die betroffene Person bekommt entweder persönlich beim Besuch in der Praxis oder per E-Mail einen Zugangscode oder -Link, über den sie sich zum vereinbarten Termin beim Videoanbieter einwählen kann.
Online-Kurse
Es gibt noch eine Vielzahl anderer Online-Angebote für Senioren und Seniorinnen, die ärztlich oder psychotherapeutisch empfohlen werden. Sie bieten bei verschiedenen psychischen Erkrankungen Hilfestellungen und sind therapiebegleitend angedacht. Sie sind als Online-Psychotherapie, Selbstmanagement-Programme, E-Mental-Health-Programme oder auch Cybertherapie bekannt. Wichtig ist, dass der ausgewählte Kurs oder das Programm den Bedürfnissen der erkrankten Person gerecht wird. Daher sollte die Entscheidung für eines der Angebote stets mit einem Therapeuten oder einer Therapeutin abgestimmt sein.
Selfapy ist beispielsweise ein Online-Programm, das von psychologischen Fachkräften entwickelt wurde und Soforthilfe bei unterschiedlichen psychischen Belastungen anbietet. Menschen mit Essstörungen, Ängsten und Panikzuständen, Depressionen, Problemen bedingt durch Stress oder auch mit chronischen (Rücken-)Schmerzen finden hier zusätzliche Unterstützung. Die Kurse lassen sich (teilweise) ärztlich auf Rezept verschreiben, diese sind dann kostenfrei für die Versicherten.
Psychotherapie online mit Hilfe einer App
Für die tägliche Unterstützung zu einer Psychotherapie gibt es spezielle App-Angebote, die Patienten und Patientinnen begleitend nutzen können. Dazu gehören beispielsweise die Apps HelloBetter, Deprexis und Invirto. Sie bieten bei Depressionen oder Angststörungen ein interaktives, onlinebasiertes Selbsthilfeprogramm. Alle drei Apps sind zudem digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) und können ärztlich auf Rezept verschrieben werden. Krankenkassen übernehmen dann in der Regel die anfallenden Kosten.
Die App RELAX Virtual Reality von Novego zum Beispiel bietet auf etwas besondere Art Entspannungs- und Meditationsübungen, bei denen Nutzende mit Hilfe einer VR-Brille virtuelle Reisen unternehmen können. Sie lenken auf diese Weise von Alltagssorgen ab, können eine positive Stimmung erzeugen und beruhigend wirken.
Wie wirksam ist Online-Psychotherapie?
Studien belegen, dass Online-Therapie-Maßnahmen einen ähnlich hohen Erfolg haben wie die herkömmliche Psychotherapie. Die therapeutische Empfehlung lautet sogar, entsprechende Maßnahmen über den Zeitraum der eigentlichen Behandlung hinaus fortzusetzen. Auf diese Weise ist es möglich, längerfristig eventuellen Rückfällen vorzubeugen. Die besten Ergebnisse zeigen Online-Therapien im Bereich Depression und Angstbewältigung, aber auch andere psychische Erkrankungen lassen sich über eine Online-Therapie behandeln.
Sehr erfolgreich zeigten sich Programme, bei denen es eine Kombination aus persönlichen Sprechstunden und Kontakt über das Internet gibt. Wichtig für eine alleinige Online-Therapie ist vor allem, dass nutzende Personen einen persönlichen Kontakt haben, den sie bei Fragen jederzeit kontaktieren können. Das fördert insgesamt die Adhärenz, das bedeutet, dass Patienten und Patientinnen auf diese Weise stärker motiviert werden und ihr Durchhaltevermögen gesteigert wird.
Bei all den Erfolgen gibt es jedoch auch Menschen, für die eine Online-Therapie nicht geeignet ist. Insbesondere bei schweren psychischen Erkrankungen oder bei akuter Gefährdung einer Person ist der direkte persönliche Kontakt zum Therapeuten beziehungsweise zu der Therapeutin unerlässlich.
Fazit
Trotzdem digitale Psychotherapie für einige ältere Menschen sicherlich eine technische Herausforderung darstellt, kann sie eine große Hilfe zum Beispiel bei Depressionen oder Ängsten darstellen. Es ist möglich die Online-Therapieoptionen zusätzlich, im Anschluss oder statt einer persönlichen Behandlung in einer Praxis zu nutzen. Vorteile der Therapien über Computer oder Smartphone sind die wegfallenden Anfahrtswege und die häufig schnellere Verfügbarkeit der digitalen Angebote. Denn für eine klassische Psychotherapie in einer Praxis gibt es häufig lange Wartezeiten. Diese können bei leichteren psychischen Beschwerden häufig gut mithilfe von ärztlich verschriebenen Apps (DiGAs) oder Videosprechstunden überbrückt werden. Bei schweren psychischen Erkrankungen oder akuter gesundheitlicher Gefährdung sollte allerdings unverzüglich eine persönliche Untersuchung stattfinden.
Veröffentlicht am: 07.03.2022
Letzte Aktualisierung: 04.12.2024
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Quellen
[1] Ärzteblatt: Ältere Menschen: Psychische Erkrankungen häufiger als angenommen. https://www.aerzteblatt.de/archiv/182827/Aeltere-Menschen-Psychische-Erkrankungen-haeufiger-als-angenommen
[2] Malteser: Die psychischen Folgen von Einsamkeit. https://www.malteser.de/dabei/information-tipps/wie-sich-einsamkeit-auf-koerper-und-seele-auswirkt.html#c681072
[3] Kassenärztliche Bundesvereinigung: Psychotherapie. https://www.kbv.de/html/psychotherapie.php
[4] Pro Psychotherapie e.V.: Online-Therapie.https://www.therapie.de/psyche/info/index/therapie/online-therapie/definition-und-formen/
[5] Andreas, S. et al.: Prevalence of mental disorders in elderly people: The European MentDis_ICF65 study. 2017; British Journal of Psychiatry, 210(2):125-131.
[6] Felnhofer, A. & Fischer-Grote, L.: Einsatz neuer Medien in der pädiatrischen Psychosomatik. 2021; Monatsschrift Kinderheilkunde. 169. 10.1007/s00112-021-01184-y.
[7] Apotheken Umschau: Digital gegen Depressionen? Sieben Apps im Überblick. https://www.apotheken-umschau.de/e-health/gesundheitsapps/digital-gegen-depression-sieben-apps-im-ueberblick-1008725.html
[8] Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): DiGA-Verzeichnis. https://diga.bfarm.de/de
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